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„Bildungsbarrieren entstehen nicht primär durch individuelle Defizite oder einzelne Angebote“

Interview mit Dr. Anika Duveneck, Freie Universität Berlin

Bildungsbarrieren lassen sich nicht mit einzelnen Maßnahmen beseitigen – sie sind ein Problem des gesamten Systems. In dieser Folge von Bildung auf die Ohren geht es um drei entscheidende „Öffnungsschritte“: die stärkere Orientierung an den Lebenswelten junger Menschen, mehr Flexibilität in Bildungssettings und neue Handlungsspielräume für Fachkräfte und Institutionen. Was bedeutet das konkret für die Praxis? Und wie können Zusammenarbeit und Strukturen so verändert werden, dass Bildung wirklich passt?

Ein Gespräch mit Dr. Anika Duveneck von der FU Berlin. 

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Schlagwörter

Bildungschance, Chancengleichheit, Bildungsbarrieren, Bildungsgerechtigkeit,

Art des Podcasts Forschungstransfer
Autor des Podcasts Christine Schumann
Bildungsbereich kein spezifischer
Laufzeit 00:25:00
Tag der Aufnahme 15.06.2026
Rechte CC-by-sa, Namensnennung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Letzte Änderung am 2026-06-15 14:33:42

Lesefassung

(Von AI Companion stark zusammengefasste Transkription)

Bildungsbarrieren lassen sich nicht mit einzelnen Maßnahmen beseitigen – sie sind ein Problem des gesamten Systems. In dieser Folge der Reihe „Bildungsforschung für die Bildungspraxis“ geht es darum, wie wir Bildungsbarrieren im System verstehen und abbauen und warum es entscheidend ist, Bildung an Lebensrealitäten anzupassen. Wir sprechen darüber, wie Bildungsangebote flexibler werden und welche konkreten Lösungen für Bildungsungleichheit in der Praxis bereits erprobt sind. Außerdem beleuchten wir, welche Rolle Bildungsplanung in Kommunen, Zusammenarbeit sowie der Transfer zwischen Forschung und Praxis in der Bildung spielen.

Herzlich willkommen zu Bildung auf die Ohren. Heute sprechen wir über Bildungsgerechtigkeit und insbesondere über Bildungsbarrieren. Ausgangspunkt ist der Forschungsschwerpunkt zum Abbau von Bildungsbarrieren, in dem zwölf Projekte gefördert wurden. Unterstützt wurden sie vom Verbundprojekt Abiba Meta, das die Ergebnisse gebündelt und für die Praxis aufbereitet hat. Darüber spreche ich mit Dr. Anika Duveneck von der FU Berlin, die das Teilprojekt „Transfer“ geleitet hat.

Frau Duveneck, was war Ihre Aufgabe?

Anika Duveneck: Wir haben die zwölf Forschungsprojekte vor allem beim Transfer in die Praxis begleitet. Denn Bildungsbarrieren lassen sich nicht allein durch Wissenschaft abbauen – dafür braucht es die Praxis. Wichtig war deshalb, frühzeitig Kooperationen aufzubauen und die Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie für Fachkräfte, Verwaltung und Politik nutzbar werden.

Was versteht man denn konkret unter Bildungsbarrieren?

Anika Duveneck: Wir sprechen von einem „Passungsproblem“. Bildungsbarrieren entstehen nicht primär durch individuelle Defizite oder bestimmte Angebote, sondern durch das Missverhältnis zwischen den Lebensrealitäten junger Menschen und den bestehenden Bildungsstrukturen. Viele Angebote orientieren sich an idealisierten Lebensrealitäten; wenn die Lebenswelten junger Menschen aber davon abweichen, entstehen Schwierigkeiten.

Bildungsbarrieren entstehen durch ein Missverhältnis zwischen Lebensrealitäten und bestehenden Bildungsstrukturen

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Anika Duveneck: Ein eindrückliches Beispiel sind junge Geflüchtete im ländlichen Raum, die eine Ausbildung machen. Sie müssen Ausbildung, Berufsschule, Sprachkurse und Behördengänge koordinieren – oft ohne abgestimmte Strukturen. Hinzu kommen lange Wege und schlechter Nahverkehr. Wenn dann noch mangelndes Verständnis oder sogar Rassismus dazukommen, entstehen massive Barrieren im Übergang von Schule in den Beruf.

Das ist eine komplexe Problemlage. Welche Ansätze gibt es, um solche Barrieren zu reduzieren?

Anika Duveneck: Wir haben drei zentrale Schritte identifiziert: 

Erstens: die Öffnung für Lebenswelten. Fachkräfte müssen die gesamte Lebenssituation junger Menschen berücksichtigen – welche Sorgen sie umtreiben und unter Umständen auch ihre besonderen Bedürfnisse. Dabei stoßen Fachkräfte oft an ihre Grenzen.

Zweitens: die Öffnung von Bildungssettings. Bildungseinrichtungen brauchen Spielräume, um flexibel auf Bedürfnisse eingehen zu können, Bildungsangebote vielfältiger zu gestalten und die jungen Menschen auch am Prozess zu beteiligen.

Drittens: die Öffnung von Handlungsspielräumen im Gesamtsystem. Die Fachkräfte in den Institutionen müssen in die Lage versetzt werden, besser zusammenarbeiten und Zuständigkeiten neu denken – um zum Beispiel Übergänge besser aufeinander abzustimmen und Zuständigkeiten so zu ordnen, dass Bildungsangebote den Lebensrealitäten der jungen Menschen tatsächlich gerecht werden können. 
Bildungsbarrieren können nicht durch einzelne Maßnahmen abgebaut werden, da müssen verschiedene Öffnungsprozesse stattfinden und ineinandergreifen. Das ist eine Frage des Gesamtsystems.

Orientieren an Lebenswelten, Öffnen von Bildungssettings und Handlungsspielräumen 

Was können Kommunen konkret tun?

Anika Duveneck: Ein wichtiger Ansatz ist Sensibilisierung, etwa durch Fortbildungen zu Diskriminierung, Klassismus oder Rassismus. Gleichzeitig kommt es stark auf Zusammenarbeit an: Bildung gelingt besser, wenn verschiedene Angebote – etwa Schule und Jugendarbeit – ineinandergreifen. Kommunales Bildungsmanagement spielt hier eine Schlüsselrolle, indem es Akteure vernetzt und gemeinsame Strategien entwickelt. Um kommunale Gesamtkonzepte zu realisieren, braucht es auf der Ebene der Verwaltung, den Rückhalt anders zu agieren, als es die bisherigen Zuständigkeiten und Regelungen möglicherweise vorsehen. Und auf der Ebene der Fachkräfte kommt es darauf an, diese Spielräume so zu nutzen, dass die benachteiligten jungen Menschen davon auch wirklich profitieren.

 

Eine Praxisbroschüre und ein Argumentationspapier unterstützen beim Abbau von Bildungsbarrieren.

Sie haben Materialien entwickelt, um aufzuzeigen, wie die beteiligten Akteure Bildungsbarrieren abbauen können?

Anika Duveneck: Zunächst haben wir die Ergebnisse der zwölf Projekte zusammengeführt und nach gemeinsamen Linien ausgewertet. Anschließend haben wir eng mit Praxispartnern zusammengearbeitet, insbesondere mit Akteuren aus dem kommunalen Bildungsmanagement und der Kinder- und Jugendarbeit. In gemeinsamen Veranstaltungen haben wir unsere Befunde gespiegelt und diskutiert.

Dabei wurde deutlich: Für die Praxis sind die Erkenntnisse zwar plausibel, aber es fehlen oft überzeugende Argumente, um Veränderungen im System durchzusetzen. Außerdem wurde uns zurückgemeldet, dass Materialien kurz, verständlich und visuell ansprechend sein müssen, weil Zeit im Alltag knapp ist. Auf dieser Grundlage haben wir das Material aufbereitet und die wichtigsten Argumente verdichtet.

Was leistet das Argumentationspapier?

Anika Duveneck: Es bietet eine kompakte, wissenschaftlich fundierte Grundlage, um Veränderungen zu begründen. Es zeigt, warum gerade unter knappen Ressourcen strukturelle Anpassungen notwendig sind. Ein zentrales Ergebnis ist: Es gibt viel Veränderungsbereitschaft im System – aber die Rahmenbedingungen hindern viele engagierte Fachkräfte daran, diese umzusetzen.
Das Argumentationspapier ist der Kern der Praxisbroschüre, die zusätzlich noch eine ausführlichere Zusammenfassung der Forschungsergebnisse beinhaltet und auf konkrete Praxismaterialien aus den Projekten verweist – wie beispielsweise Handreichungen, Beteiligungskonzepte oder auch ein eigens entwickeltes Spiel, das hilft, die Perspektiven junger Menschen besser zu verstehen.

Zum Schluss: Was ist Ihre wichtigste Botschaft?

Anika Duveneck: Der Abbau von Bildungsbarrieren gelingt nur, wenn das System insgesamt beweglicher wird. Es braucht Mut, bestehende Strukturen zu hinterfragen, und die Bereitschaft, stärker an den realen Lebenswelten junger Menschen anzusetzen. Viele engagierte Fachkräfte sind dazu bereit – sie brauchen allerdings noch die passenden Rahmenbedingungen.

Vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke, Frau Duveneck!

 

 

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